Chronik des Widerstands & Kuriose Anekdoten

Die Geschichte der Fahlerkerb ist voller skurriler Anekdoten, die von Mut, Humor und einer gehörigen Portion Eigensinn zeugen. Wer glaubt, Kirmesgeschichte bestehe nur aus Protokollen, der irrt – hier sind die besten Episoden zum Schmunzeln und Staunen:

1683 – Der "Huträuber" in Uniform

Wie wild es auf den alten Märkten zuging, beweist ein Eintrag aus der Zeittafel von 1683: Ein hessischer Soldat nutzte das geschäftige Treiben der Sommerkirb für einen ganz besonderen Beutezug – er stahl einen alten Hut! Dass dieses banale Vergehen es bis in die offiziellen Geschichtsbücher geschafft hat, zeigt, wie akribisch damals jede Störung des Marktfriedens registriert wurde.

1715 – Das geniale "Scheunen-Schlupfloch"

Pfarrer Reinhard Alberti war die Sommerkirb wegen der "Störung der Sonntagsruhe" schon lange ein Dorn im Auge. Kurzerhand erwirkte er ein strenges herzogliches Tanzverbot für den Sonntag. Doch die Retterter und Laufenseldener ließen sich den Spaß nicht nehmen und bewiesen juristischen Feinsinn. Sie machten eine "Gloss" (fanden ein Schlupfloch) im Gesetz: Das Tanzverbot galt ja nur für öffentliche Plätze! Kurzerhand verlegten sie die Tanzböden in die privaten Häuser und Scheunen und feierten dort am Sonntag einfach umso lustiger weiter – sehr zum Ärger des Pfarrers.

Vor 1775 – Der Grenzgänger-Trick in „Korporáls Scheuer“

Um nassauischen Steuern und Kontrollen zu entgehen, bewegten sich die Kirmesbesucher aus den vierherrischen Nachbarorten wie Kördorf, Katzenelnbogen, Berndroth und Berghausen außen am Bannzaun entlang, um stets auf neutralem, vierherrischem Boden zu bleiben. Dieser äußere Weg wurde jedoch durch die „Korporáls Scheuer“ blockiert - eine Scheune, die von außen nahtlos an den Bannzaun angebaut war. Anstatt das Grundstück nun mühsam über die angrenzenden Felder zu umgehen, marschierten die Festgäste einfach vorne in die Scheune hinein und auf der anderen Seite wieder heraus. Durch dieses private „Nadelöhr“ gelangten sie bequem zum Festplatz auf dem „Fahler“, ohne jemals nassauisches Eigentum betreten zu müssen. Die berühmte Grenz-Scheune wurde um den Ersten Weltkrieg herum abgerissen.

1819 – Der Gewehr-Check am Rother Hof

Die Laufenseldener Kerbejugend schoss bei ihren traditionellen Böllerschüssen im Jahr 1819 so wild um sich, dass Rettert Klage beim Amtsgericht Nastätten einreichte – wohl in der Hoffnung, das Festrecht damit endgültig auszulöschen. Doch der dortige Richter bewies weisen Humor: Er kannte die "Mentalität" der Laufenseldener Jugend und sprach kein Urteil, sondern schlug einen herrlich pragmatischen Vergleich vor: Die Laufenseldener durften weiterfeiern, mussten ihre Böllergewehre jedoch vor dem Einzug nach Rettert beim Landwirt des "Rother Hofs" abgeben. Ein historischer "Waffen-Check" an der Dorfgrenze, der den Frieden sicherte!

1834 – Das herzogliche Verbot

Nach heftigen, teils lebensgefährlichen Schlägereien zwischen den Jugendlichen der beiden Dörfer griff die herzoglich-nassauische Regierung durch: Die Fahlerkerb wurde für das Jahr 1834 offiziell verboten. Doch der Widerstand ließ nicht lange auf sich warten – das "alte Recht" wurde bald wieder lautstark eingefordert und das Fest fortgesetzt.

1837 – Die "Party mit Sperrstunde"

Als der Herzog von Nassau das Fest 1837 nach dem Verbot zähneknirschend wieder erlaubte, tat er dies mit herrlich absurden Auflagen: Feiern durften ausschließlich die "ausländischen" Laufenseldener (die Retterter hatten Festverbot auf ihrem eigenen Feld!), und um Punkt 19:00 Uhr abends war die Musik unerbittlich abzustellen. Eine Kirmes, bei der die Nachbarn ausgesperrt sind und der Stecker zur besten Sendezeit gezogen wird!

1855 – Die unbestechlichen Feierbiester

Die Nassauische Regierung wollte den ständigen Ärger an der Grenze endlich beenden und versuchte, die Laufenseldener mit Geld zu bestechen. Man bot ihnen eine offizielle finanzielle Entschädigung an, wenn sie im Gegenzug für immer auf ihr historisches Tanzrecht verzichten würden. Die Antwort der Laufenseldener war unmissverständlich: Ihr Recht und ihre Kerb waren unverkäuflich – die Verhandlungen scheiterten kläglich.

1909 – Weiß-Blau-Orange: Festlicher Glanz und Bürokratie

Dass Traditionen auch optisch streng gepflegt wurden, bezeugt der Zeitzeuge Johann Wilhelm Haas aus dem Jahr 1909: Die Mädchen waren ganz in Weiß gekleidet und trugen orange-blaue Banderolen – die stolzen nassauischen Landesfarben –, während die Burschen mit dem traditionellen Kerbehut ausgestattet waren. Doch vor dem Vergnügen stand die Bürokratie: Jeder Teilnehmer der Kerbegesellschaft musste das Recht zur Wegnutzung eigenhändig beim Gemeindevorstand unterschreiben.

1909 – Der Schmied, der den Waldklängen folgte

Wie magnetisch die Anziehungskraft der Fahlerkerb war, zeigt die Geschichte eines wandernden Schmiedegesellen im Jahr 1909: Auf seiner Wanderung von Wiesbaden-Biebrich nach Limburg hörte er tief im Wald die fernen Klänge der Kerbemusik. Kurzerhand verwarf er alle Pläne, folgte den Tönen und gesellte sich zur Laufenseldener Kerbegesellschaft. Er feierte so begeistert mit, dass er bis zur traditionellen "Beerdigung der Kerb" blieb – und erst danach weiter nach Limburg zog, um sich bei der Maschinenfabrik Scheidt zu verdingen.

1942 – Trotz Krieg und Verbot: Der geheime Rundgang

Mitten im Zweiten Weltkrieg war an große Volksfeste nicht zu denken, und die Kerb war strengstens untersagt. Doch um das historische Gewohnheitsrecht für zukünftige Generationen nicht verfallen zu lassen, schritten 17 mutige Laufenseldener zur Tat: Am Sonntag nach Laurentius gingen sie unter Führung ihres Gemeindevorstehers dreimal um den traditionellen Festplatz in Rettert herum. Damit war das Recht symbolisch gewahrt – eine stille, aber wirkungsvolle Demonstration des Zusammenhalts.

1954 – Freibier für Trinkwasser

Eine wunderbare Geste der Versöhnung ereignete sich im Jahr 1954. Da die Gemeinde Rettert ihr dringend benötigtes Trinkwasser aus den waldreichen Quellen auf Laufenseldener Gemarkung beziehen durfte, beschloss der Retterter Gemeinderat einstimmig eine flüssige Gegenleistung: Der Laufenseldener Fahlerkerbegesellschaft wurden als Dank 100 Liter Freibier gestiftet. Ein historischer Tausch, der bis heute für beste Stimmung sorgt!